Besuch im Slum

Jana Hofäcker über Ihren Besuch bei Project Life Subic im Juni 2015:

„Beim Reisen in andere Länder schaue ich mir gerne möglichst alle Gesichter eines Landes an. Nicht nur die Seite, die exklusiv für Touristen gestaltet wurde. So war ich hellauf begeistert, als Tobias mir anbot, mir, geführt durch Darryl (einem befreundeten Filipino) die Slums von Olongapo zu zeigen.

Ich weiß nicht was ich erwartet habe. Vielleicht lauter Trauerklöße die mich aus triefenden, roten Augen anschauen und man ihnen ihr Leid schon aus 5 Kilometer Entfernung ansieht? Jedenfalls war ich von der Unbeschwertheit der Leute, vor allem der der Kinder total überwältigt. Es sind die Ärmsten der Armen, aber von Trauerstimmung und ernsten Gesichtern kann hier nicht die Rede sein. Kinder rennen kreischend in den gigantischen Dreckwasserpfützen herum, Eltern grillen Fisch vor ihrem winzig schmalen Hauseingang. Tobias bemerkte erstaunt, dass die Kinder diesmal sogar alle zumindest halb bekleidet sind. „Es wird besser“, sagte er. Manche Kinder haben aufgeblähte Bäuche und seltsame Wunden am Kopf, nahe der Augen.

Meine beiden Guides zeigten mir gerade wo und wie Emy eine der Frauen, denen GMI einen Mikrokredit gegeben hatte lebte, als ihr Mann aus der Tür lugte und uns sofort einlud hereinzukommen. Die Wohnung, die eigentlich nur aus zwei kleinen Zimmern besteht ist winzig. Es gibt keine Fenster, weshalb wohl die Tür immer einen Spalt breit aufstand. Die Küchenzeile nimmt den größten Teil des Raumes ein. Daneben gibt es noch eine kleine Couch, zwei Stühle, ein Regal, einen Fernseher und einen winzigen Tisch. Alles steht dicht gedrängt beieinander, aber es ist dennoch ein Ort an dem ich mich sofort wohlfühlte. Ein Ort voll Wärme und Herzlichkeit. Dann kam Emy aus dem zweiten Zimmer. Sie hatte sich extra nochmal umgezogen um uns zu empfangen. Emy ist eine quirlige, fröhliche Person, deren größter Traum es ist, ihren Kindern mit dem Geld das sie verdient eine gute Ausbildung finanzieren zu können. Sie war sichtlich erfreut, dass wir einfach so in ihre Wohnung geplatzt sind.

Wenn man mit ihr redet hat man nicht das Gefühl, man spräche mit einer in tiefster Armut lebenden Person, die oft genug um ihr täglich Brot bangen muss. In ihrer Stimme liegt viel Hoffnung und Zuversicht. Vielleicht hat ihr der Kredit diese Hoffnung und Stärke gegeben hat. Sicher ist jedenfalls, dass er ihr eine Perspektive und eine gewisse Entscheidungsfreiheit gegeben hat.

Momentan arbeitet sie viel im Sewing Center und hat ihr Kinderkleidergeschäft auf Eis gelegt. Sie wartet die Flaute der Nebensaison ab und will dann im Dezember wieder starten, wenn das große Weihnachtsgeschäft losgeht.

Nach den Slums  fuhren wir per Jeepny zum Sewing Center. Es ist nicht zu übersehen, dass sich das Center mitten im Rotlichtviertel befindet. Hier lernen Männer und vor allem Frauen -viele davon (Ex-)Prostituierte, wie man Taschen näht. Mit dieser Ausbildung haben sie Chancen auf eine bessere Arbeit und sehen sich(hoffentlich) nicht mehr gezwungen als Prostituierte ihren Körper zu verkaufen.

Im Sewing Center traf ich dann auch auf Leslie, die mir ein bisschen über ihre Arbeit im Center und den Slums erzählte. Sie erklärte mir, dass die dicken Bäuche der Kinder, die ich gesehen hatte, nicht etwa von extremem Hunger zeugten, (ich hatte sie für mich als Hungerbäuche deklariert), sondern ein Beweis dafür seien, dass die Kinder Würmer haben. Das sei ein großes Problem. Die Kinder würden immer wieder Würmer bekommen, weil sie in dem abwasserähnlichen Flusswasser badeten. Besonders im Sommer. Das kann man ihnen bei der Hitze auch wirklich nicht verdenken. Eine Tablette hilft schon gegen die Würmer. Jedenfalls wenn die Würmer nicht schon so groß sind, dass die Kinder sie sich selbst schon aus Mund und Nase ziehen können – und das ist wahrhaftig keine Übertreibung. „Nach Jahren der Wurmbehandlung erkennt man irgendwann schon von weitem welches Kind Würmer hat und welches nicht“, sagt Leslie.

Sie erzählte auch, dass sie bis vor kurzem jeden Samstag ein Treffen für Slumkinder organisiert hatte. Es sollte ein sicherer Ort für die Kinder sein, an dem sie eine richtige Mahlzeit bekommen, englisch lernen können, ungestört spielen und einfach Kinder sein dürfen. Doch dann gab es mehrere Schießereien im Slum und Leslie entschied, dass sie unter diesen Umständen keinen sicheren Ort mehr garantieren kann. So brach sie das Projekt ab, will aber bald an einem anderen Ort im Slum die Samstagstreffen wieder aufnehmen.

Wenn man Leslie zuhört, hat man das Gefühl da weiß jemand genau was sie tut und wo und wie bitter nötige Hilfe am ehesten angenommen wird. Sie kennt sich aus, fängt mit ihrer Hilfe direkt bei den Bedürfnissen der Leute an, nicht bei den Problemen die man von außen vielleicht glaubt zu sehen. Sie agiert so, wie man es sich eigentlich von jeder Hilfsorganisation wünschen würde.“

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