Erlebnisse im Slum

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Heute besuchen wir Nur A’Iniah. Sie war eine der Teilnehmerinnen, die 2016 in einem zweimonatigen Kurs unter anderem lernte, traditionelle indonesische Gewänder herzustellen oder Kissenbezüge zu nähen.

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Auf unseren Motorrollern verlassen Gusti von WKP und ich eine der überfüllten Hauptstraßen der indonesischen Stadt Denpasar und biegen in immer enger werdende Seitengassen. Gerüche der Imbissbuden, offene Abwässer und Essensreste mischen sich bei über 30 Grad Celsius zu einem Geruchscocktail, der typisch für die Slums in Südostasien ist. Wir stellen unsere Roller ab und steigen, begleitet von neugierigen Blicken der Passanten, eine rutschige Treppe hinab. In dieser „Straße“ wohnt Nur A’Iniah und ihre vierköpfige Familie. Wir ziehen unsere Schuhe aus und betreten das 2,5m mal 2,5m große Haus.

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Zu viert passen wir gerade so auf den Boden. 
Das untere Zimmer ist das Ess- Wohn- und Schlafzimmer der Familie. In der kleinen Dachkammer, die man über eine selbstgebaute Leiter erreicht, steht die Nähmaschine und die Wäsche, die Nur A’Iniah für Nachbarn wäscht, hängt dort zum Trocknen. Die Unterhaltung verläuft auf indonesisch, ich verstehe nur Teile des Gesagten, das Wichtigste wird für mich übersetzt. Nur A’Iniah wirkt auf mich glücklich, sie lacht viel und scheint sich über den Besuch sehr zu freuen.
Sie erzählt uns, dass bei jedem Regen (also momentan fast täglich) die kleine Gasse vor dem Haus vollläuft und deshalb so rutschig ist. Wenn es länger regnet, kommt das Wasser bis in das untere Zimmer, die Familie schläft dann unter dem Dach. „Aber meine Kinder mögen es da oben nicht, es ist viel zu heiß unter dem Wellblech“ erklärt sie uns.
Ich frage nach ihrem Kleinunternehmen und erfahre, dass Nur A’Iniah neben der Schneiderei auch noch eine kleine Wäscherei betreibt und in der verbleibenden Zeit in einem Warung (einem kleinen Restaurant) arbeitet, der ihren Verwandten gehört. Stolz erzählt sie, dass sie anfangs viel Kleidung selbst hergestellt hat, aber das nicht sonderlich profitabel war. 

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Mittlerweile ist sie bei ihren Nachbarn als Änderungsschneiderin bekannt. So kann sie pro Woche ca. 150.000 Rupiah verdienen (ca. 11€). „Ich habe gemerkt, dass das Geschäft viel besser läuft, wenn ich keine festen Preise verlange. Meine Kunden bezahlen, so viel sie für angemessen halten. Dadurch sind sie fast immer sehr zufrieden und kommen wieder,“ erklärt sie lächelnd ihre interessante Preisstrategie. Ein Vorteil für sie ist, dass die Menschen in ihrem Umfeld selbst so arm sind, dass sie Kleidung so lange reparieren, bis sie wirklich nicht mehr nutzbar ist.

Nach fast zwei Stunden verabschieden wir uns. Ich bin beeindruckt von dieser Frau, deren gesamter Besitz weniger wert ist als mein Smartphone, die aber doch so zufrieden und glücklich ist und ihre Lebensträume verwirklicht.