Interview mit Leslie

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Bereits seit 2007 ist Leslie Nabong Leiterin der Organisation „Project Life“. Unser Vorstandsvorsitzender hat sie vor Ort auf den Philippinen besucht und interviewt, mit Fragen, die Spender und Mitglieder ihm vorher geschickt hatten. 

Du lebst nun schon seit langer Zeit auf den Philippinen. Kannst du erklären, worin die Herausforderungen liegen, in einem Entwicklungsland zu leben?

Natürlich gibt es einige interkulturelle Unterschiede, andere Werte und Ziele. Die philippinische Kultur basiert viel mehr auf zwischenmenschlichen Beziehungen, während wir in den westlichen Kulturen eher Wert auf die eigentlichen Aufgaben legen. So ist es zum Beispiel vollkommen in Ordnung viel zu spät zu kommen, solange man etwas mit einer anderen Person unternommen hat.

Wie sieht es mit Korruption aus?

Eines der vielen Dinge, die wir hier beibringen, ist Integrität. Es ist uns sehr wichtig, dass sich unsere Mitarbeiter nicht in Situationen bringen, in denen sie mit Korruption konfrontiert werden. Wenn wir doch mit einer solchen Situation konfrontiert werden, in der von uns Schmiergelder erwartet werden, was durchaus vorkommt, lächeln wir und weigern uns höflich. Einmal habe ich einem Polizisten, der offensichtlich auf eine Bestechung gewartet hat, höflich gedankt, dass er für eine nicht korrupte Regierung stünde und dass er sicherlich ein großes Vorbild für seine Kollegen ist. Er hat zurück gelächelt, sich bedankt und ich konnte gehen. 

Wenn man gut damit umgeht und lächelt, lösen sich viele Probleme hier von alleine. 

Was schätzt du an der philippinischen Kultur am meisten? 

Die große Hilfsbereitschaft. Außerdem hat Familie hier einen sehr hohen Wert; vor allem gegenüber den Älteren sind die Jüngeren unglaublich hilfsbereit. Senioren wie wir werden hier sehr gut und respektvoll behandelt. Und das sind nur einige Beispiele. 

Letztes Jahr war der philippinische Präsident oft in den Schlagzeilen wegen Nachrichten bezüglich des Drogenkrieges. Ihr lebt und arbeitet in einer der ärmsten Gegenden der Region. Was ist hier passiert?

Innerhalb einer Woche wurden hier auf dieser Straße sechs Leute erschossen! Ein paar Monate lang war es sehr extrem, aber mittlerweile hat sich die Situation wieder beruhigt. Die Anzahl der Gefängnisinsassen, mit denen wir auch einige Projekte haben, hat um einiges zugenommen. Außerdem merkt man, dass Korruption stark zurückgeht. 

Als Ausländerin unter philippinischen Mitarbeitern, kommen da öfter kulturelle Probleme auf?

Die Menschen hier vermeiden Konfrontation, das heißt, dass sie eher lügen würden, bevor sie ihre Meinung sagen, wenn es Probleme gibt. Es kommt durchaus vor, dass in einem Meeting alle zustimmen, aber wenn es ausgeführt werden soll, machen die Leute einfach etwas anderes, wenn ihnen der Plan nicht passt. So ist es hier nun mal und nach einiger Zeit haben wir uns auch daran angepasst.

Wir vergeben zusammen mit euch Mikrokredite und wir finanzieren Teilnehmern die Nähausbildung. Einer unserer Unterstützer fragte, ob es irgendwelche Zulassungskriterien für die Teilnahme der Ausbildungen gibt.

Die Teilnehmer müssen mindestens 17 Jahre alt sein. Außerdem priorisieren wir diejenigen, die am meisten von unserem Training profitieren. Das kann ein Opfer von Menschenhandel sein, die noch keinerlei Erfahrung im Nähen hat oder ein Müllsammler. Wir nehmen sowohl Männer als auch Frauen. Religion oder andere Aspekte spielen bei der Auswahl keine Rolle. Natürlich haben wir begrenzte Kapazitäten durch Budget und Material, die wir nicht überschreiten können, weswegen nicht alle Interessenten genommen werden können.

Wird die Religion der Teilnehmer berücksichtigt?

Nein, selbst wenn ich wollte, könnte ich dir die Religion der Teilnehmer nicht sagen, da wir nicht danach fragen.

Was bringt es jemandem, die Näherausbildung zu machen? Wieso sollten die Leute in der Textilindustrie arbeiten wollen?

Wir leben neben der Subic Freeport Zone mit über 200 internationalen Firmen aus verschiedenen Industrien. Viele von diesen stellen Näher ein. Außerdem zahlen sie sehr gut. Durch unser Programm können die Teilnehmer ein Zertifikat erhalten, welches die Arbeitssuche hier sowie im Ausland sehr erleichtert. 

Die asiatische Textilbranche hat einen sehr schlechten Ruf in Europa. Wie wird sichergestellt, dass eure Absolventen nicht in missbräuchliche Arbeitsverhältnisse geraten?

Um im Freeport tätig zu sein, müssen die Firmen die ISO Kriterien erfüllen. Außerdem zahlen sie sehr gute Gehälter um unsere Teilnehmer einzustellen. Worin sich die Verhältnisse außerdem unterscheiden ist, dass die Mitarbeiter sich bei Problemen bei einer neutralen Stelle melden und beschweren können. Um eingestellt zu werden, braucht man verschiedene Dokumente und ein medizinisches Attest, damit man dann von einer Agentur vermittelt werden kann. Kinderarbeit gibt es da gar nicht. Manche unserer Absolventen, die im Freeport arbeiten wollten, haben ihre Produkte verkauft, die sie im Training hergestellt haben, um so für die Untersuchungen und Checks zahlen zu können. 

Hier ist es generell sehr schwer für über 35-jährige, einen Job zu finden. Wir sind persönlich zu der Vermittlungsstelle gegangen und haben sie soweit beeinflussen können, dass nun auch ältere Leute akzeptiert und vermittelt werden. Das war ein großer Durchbruch für uns.

Zuletzt würde ich gerne über die Mikrokredite sprechen. Wie findet Ihr heraus, wer welches Training benötigt?

Die Bewerber müssen eine Geschäftsidee vorstellen. Durch diesen Vorschlag und das darauf folgende Interview können unsere Mitarbeiter evaluieren, welches Training die Bewerber brauchen. Und natürlich, ob sie bereit sind, ein Geschäft aufzubauen. 

Wir haben unseren ersten Kredit vor fast vier Jahren vergeben. Was sind ein paar der langfristigen Veränderungen, die man bei den Teilnehmern feststellen kann?

Auf jeden Fall ein stärkeres Selbstbewusstsein. Die Teilnehmer haben gelernt, dass sie ihr eigenes Leben verändern können. Und genau das haben sie getan. Wir haben drastische Ergebnisse bei alleinerziehenden Müttern gesehen, die von zu Hause arbeiten konnten und unabhängig wurden. Manche können mittlerweile ihre Familie durch das Geschäft finanzieren. Eine unserer ersten Teilnehmerinnen hat sogar Familienmitgliedern und Freunden beigebracht, wie sie ihr eigenes Unternehmen führen können!

Siehst du Bedarf nach mehr Mikrokrediten? Was kann GMI machen, um mehr Leute zu erreichen?

Wir arbeiten hier mit den Ärmsten der Region zusammen. Das Schicksal hat die Leute in schreckliche Situationen gebracht. Aber die Leute sind oft sehr intelligent und kreativ. Meistens ist das größte Problem für diese Leute, das nötige Startkapital zu bekommen und sobald sie dieses bekommen, geht es bergauf. Nach wie vor gibt es großen Bedarf. Zum zweiten Teil der Frage: Ich glaube, hätten wir jemanden, der sich wirklich in Vollzeit mit diesem Teil unserer Zusammenarbeit beschäftigt, könnten wir noch viel mehr Menschen erreichen.